Selbstähnlich und Seltsam

20.1.19 3.2.19 | 14:00 19:00 | Projektraum 02 | Veranstaltung

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==========================Selbstähnlich und Seltsam
von Wolfgang Spahn
Organisiert von Art Claims Impulse

Ausstellungseröffnung: 19.01.2019, 18:00 - 21:00 Uhr.
Ausstellungszeitraum: 20.01 - 03.02.2019, 14:00-19:00 Uhr

 

Die Ausstellung „Selbstähnlich und Seltsam“ ist an der Schnittstelle zwischen Kunst, Technologie und Chaostheorie angesiedelt. Sie besteht aus drei Klang-Licht-Installationen, die sich je mit einem Sujet aus der Chaostheorie beschäftigen - Selbstähnlichkeit, Seltsame Attraktoren und Rückkopplung – sowie aus einer Auswahl an A3+ Drucken.

Seit der Mathematiker Benoit Mandelbrot 1967 in seinem Paper „How Long Is the Coast of Britain? Statistical Self-Similarity and Fractional Dimension“ Strukturen in der Natur als „selbstähnliche Systeme“ geometrisch beschrieb, sind fraktale Strukturen immer wieder Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung. Seltsame Attraktoren sind ebenso chaotische Fraktale, die wie die Selbstähnlichen Strukturen einen wichtigen Teil der Chaosforschung ausmachen und die wiederum Kern und Leitgedanken der Ausstellung sind.

So kombiniert die Installation „Selbstähnliche Strukturen“ Makroaufnahmen von Moosen und Flechten mit digitalen Luftaufnahmen, um die verborgenen Strukturen der einzigartigen Flora der Region Magallanes in Chile sichtbar zu machen - fraktale Strukturen bleiben sich trotz Veränderung der Betrachtungsgröße selbst ähnlich (Benoit Mandelbrot „Theory of Roughness“). Das Projekt zielt darauf ab, die Selbstähnlichkeit in den natürlichen Strukturen dieser Region sowohl makroskopisch als auch aus der Luft künstlerisch zu erkunden, wissend, das natürliche Strukturen immer imperfekte Strukturen sind, die durch Brüche des Regelmäßigen und Überschreiten des Erwarteten gekennzeichnet sind.

Bei „Seltsame Attraktoren“ handelt es sich um ein generatives System für Sound und Projektionen, das auf einen analogen Computer basiert, der eben diese seltsamen Attraktoren berechnet. Der Titel der Arbeit verweist auf den gleichnamigen mathematischen Begriff (David Ruelle/ Floris Takens, 1971), der der Chaostheorie entlehnt ist und Gesetzmäßigkeiten chaotischen Verhaltens in dynamischen Prozessen beschreibt. Mit seltsamen Attraktoren können beispielsweise turbulente Strömungen von Flüssigkeiten oder Gasen mathematisch beschrieben werden, die sich wegen ihrer Komplexität und Zufälligkeit nicht anders analytisch fassen lassen.

Die Arbeit stellt nun die Frage nach der künstlerischen Festlegung von Grenzen in einem Raum, der eigentlich vom Zufall bestimmt wird. Denn seltsame Attraktoren zeichnen sich u.a. dadurch aus, dass sie immer einen begrenzenden Rahmen bzw. eine entsprechende Ordnung festlegen, innerhalb dessen dann erst das eigentliche Chaos stattfinden kann. Insofern werden – zumindest im mathematischen Sinn – Zufall und Chaos erst durch den ordnenden Rahmen ermöglicht, da ohne diesen Rahmen alle denkbaren chaotischen Systeme ins Unendliche anstiegen und sich damit der Beobachtung und Beschreibung entziehen würden. Auf die Kunst übertragen würde das bedeuten, dass künstlerisch kreierte chaotische Systeme nicht mehr sichtbar oder hörbar wären. Entsprechend fragt die Installation danach, ob es mithin die KünstlerInnen selbst sind, die den ordnenden Rahmen schaffen, innerhalb dessen ihr Werk erst „zufällig“ entstehen kann.

Die Installation „It‘s Organic if you Look Close Enough“ basiert auf drei Feedback Schleifen zwischen je einem Monitor und einer Kamera. Mittels Makroaufnahmen dekonstruiert sie dabei die perfekte Oberflächen unserer digitalen Realität. Indem sie die kleinsten optischen und doch unsichtbaren Strukturen der digitalen Welt sichtbar macht entzaubert sie diese oberflächliche Perfektion. So sind die so vergrößerten Pixel ausgefranste unförmige Farbtupfer die sich als echte analoge Strukturen zeigen.

Das Triptychon, bestehend aus Monitoren und entsprechenden live Kameras, ist nicht nur die Quelle von sich ständig ändernden und neu generierenden Farbflächen sondern erzeugt auch eine komplexe Klangkulisse. Da diese aus denselben Signalen wie das Videobild gewonnen wird kann der entstehende Klang als eine erweiterte Darstellung der Bildinformation begriffen werden.

Die Fotoserie „Picture Disc at an Exhibition“ zeigt Ausschnitte von modifizierten Speichermedien wie CDs und DVDs. Diese Arbeiten entstanden einerseits als Upcycling der am Sterben inbegriffenen optischen Datenspeicher und andererseits aufgrund von nachhaltigem Zerstören von Datenüberresten. DVD Datenträger bestehen aus zwei Kunststoffschichten zwischen denen sich die eigentliche Filmschicht befindet in der die Daten digital gespeichert werden. Für die Modifizierung der DVDs wird diese Schicht nun mittels Chemikalien gelöst und mit Eisen, Schellack und Farbe in eine organisch anmutende Patina überführt. In der Installation „Pictures at an Exhibition“ wurden diese Disks mit einem speziell dafür entwickelten Kamera-Laser-Abspielgerät akustisch und optisch wiedergegeben. Entsprechend mutierten diese ehemaligen Speicherscheiben wieder zu echten analogen Klang- und Bild-Trägern.
Text: Wolfgang Spahn / Art Claims Impulse.

Wolfgang Spahn ist ein in Berlin ansässiger Künstler, der sich mit Visueller- und Klangkunst beschäftigt. Unter seinen Arbeiten befinden sich sowohl interaktive Installationen, Light & Klang Performances, als auch Miniatur-Folien-Malereien. In seinen Arbeiten erkundet Wolfgang den Bereich der analogen und digitalen Medien und fokussiert dabei auf deren Unvereinbarkeit und Wechselbeziehungen.

 

***English version***

========================== Selbstähnlich und Seltsam
(Self-Similar and Strange)
by Wolfgang Spahn
Organized by Art Claims Impulse

 

Exhibition Opening: 19.01.2019, 6:00-9:00 PM
Exhibition Period: 20.01. - 03.02.2019, 2:00-7:00 PM

The exhibition “Self-Similar and Strange” lies at the interface between Art, Technology and Chaos Theory. It includes three Sound-Light-Installations, each dedicated to one subject pertaining to Chaos Theory - Self-Similarity, Strange Attractors, and Feedback – as well as of a selection of A3+ prints.

Ever since the mathematician Benoit Mandelbrot geometrically described structures in nature as ‘self-similar systems’ in „How Long Is the Coast of Britain? Statistical Self-Similarity and Fractional Dimension“ a paper published in 1967, fractal structures have remained a subject of artistic enquiry. Strange attractors in their quality of chaotic fractals constitute together with self-similar structures an important part of chaos research, and feature as core and lead theme of the exhibition.

In this context, the installation “Selbstähnliche Strukturen“ (Self-Similar Structures) combines macro images of mosses and lichens with digital aerial images so as to reveal the hidden structures of the unique flora of the Magallanes region in Chile – fractal structures remain self-similar even if the observation scale is altered (Benoit Mandebrot “ Theory of Roughness”). The project aims at artistically exploring self-similarity in the natural structures of this region both macroscopically as well as from an aerial perspective, in the knowledge that natural structures are always imperfect structures characterized by fractures in regularity and a transgression of the expected.

„Seltsame Attraktoren“ (Strange Attractors) is about a generative system for sound and projections based on an analogue computer that calculates these Strange Attractors. The title of the work refers to the mathematical term of the same name (David Ruelle / Floris Takens, 1971) borrowed from chaos theory which describes physical laws of chaotic behaviour in dynamic processes. Based on strange attractors it’s possible to for instance to mathematically describe turbulent currents of liquids or gases that cannot otherwise by analytically captured due to their complexity and level of randomness.

The work raised the question of the artistic definition of boundaries in a space which in fact is determined by coincidence. Strange attractors are defined among others by the fact that they always establish a limiting framework or an according order within which the actual chaos can take place. This means that – at least from a mathematical perspective – haphazardness and chaos are enabled by a framework that creates an order, because without this framework any conceivable chaotic system would rise ad infinitum, and by doing so would escape observation and description. If this thought were transferred to art, it would mean that artistically created chaotic systems would not be visible or audible. Accordingly, the installation raises the question whether the artists themselves create the framework that creates the order, allowing the work to emerge ‘haphazardly’.

The installation „It‘s Organic if you Look Close Enough“ is based on three feedback loops each taking place between a monitor and a camera. With the help of extreme close-ups it deconstructs the perfect surface of our digital reality. By visualizing the smallest optical - albeit invisible – structures of the digital world it demystifies this superficial perfection. The resulting magnified pixels are frayed shapeless colour spots that reveal themselves as being real analogous structures.

The triptych consisting of monitors and according live cameras is not only the source for the colour surfaces that are constantly changing and generating themselves anew, but it also forms a sound backdrop. Since it is retrieved from the same signals as the video image, the emerging sound can be understood as an extended representation of the information provided by the image.

The photo series „Picture Disc at an Exhibition“ shows excerpts of modified storage media like CDs and DVDs. This work has been conceived on the one hand as a gesture of upcycling the moribund optical data storage systems, and on the other hand to attain sustainable destruction of data residue. DVD data carriers consist of two layers of synthetic material which enclose the actual film layer where the data is stored digitally. In order to modify the DVDs, this layer is dissolved with chemicals and given an organic looking patina with the help of iron, shellac and colour. As part of the installation “Pictures at an Exhibition”, these discs are displayed acoustically and optically with the help of a custom-made camera-laser-player. In consequence, the former storage discs mutate into real analogue sound and image storage media.
Text: Wolfgang Spahn / Art Claims Impulse.

Wolfgang Spahn is a visual & sound artist based in Berlin. His work includes interactive installations, performances of light & sound and miniature-slide-paintings. His art explores the field of analogue and digital media and focuses on both their contradiction and their correlation.